von Andreas Eschbach

Dieses Buch gehört zu der Sorte Bücher, die mich im Buchladen direkt ansprechen, die ich auch sofort kaufe und dann doch erstmal nicht lese, weil ich genau weiß, dass sie mich packen werden und ich die Krise kriege, wenn ich dann nicht die Zeit zum Lesen finde. Zumal dieses Buch mit 796 Seiten nicht gerade dünn ist.

Ferien mit eher mittelmäßigem bis schlechtem Wetter in Kombination mit einer Erkältung kamen da gerade recht – es war eh vernünftiger mal auf den Sport zu verzichten – also mehr Zeit zum Lesen.

Die Idee, die hinter dem Buch steckt, ist eigentlich trivial, aber umso wirkungsvoller, wenn man sie zu Ende denkt: „Was wäre, wenn es im Dritten Reich schon Computer gegeben hätte, das Internet, E-Mails, Mobiltelefone und soziale Medien – und deren totale Überwachung?“ (Auszug aus dem Klappentext)
Zu Beginn des Buches wird man mitten ins Geschehen geworfen, das NSA, das Nationale Sicherheitsamt demonstriert dem Reichsführer SS Himmler, zu was die gesammelten Daten der Bürger genutzt werden können. Es bleiben der Leserin einige Fragen offen, die dann im Verlauf geklärt werden. Die Geschichte geht zunächst zurück und man erfährt in Rückblenden die Herkunft der beiden Protagonisten Helene Bodenkamp, einer Programmiererin, und Eugen Lettke, einem Analysten und gleichzeitig Helenes direkter Vorgesetzer im NSA. Gleichzeitig erfährt man, wie und wann der Komputer erfunden wurde, seit wann es tragbahre Telefone und Weltnetz gibt und dass das NS-Regime das Bargeld abgeschafft hat. All diese Elemente werden so geschickt – auch durch die nur leicht veränderten Namen – mit der realen Geschichte des NS verknüpft, dass man nie den Eindruck bekommt, es passe nicht. Gerade auch das Rollenverständnis der NS-Ideologie über Mann und Frau wird durch die Aufgabenzuteilung im Computerbereich aufrechterhalten, durch gewisse Aspekte aber auch in Frage gestellt.
Es ist im Gegenteil erschreckend, wie gut die neuen Medien in die Zeit des NS passen. Das Buch nimmt immer wieder unerwartete Wendungen und kein gutes Ende, was aber so offen ist, dass man mit der Lektüre nach dem letzten Satz noch lange nicht fertig ist.
Hier näher auf den Inhalt einzugehen, würde zu viel verraten, deshalb halte ich mich kurz.

Das Buch passt natürlich sehr gut in die heutige Zeit mit ihren Debatten um Datensicherheit und die uns alle angehende Frage, was wir von uns preisgeben. Man kommt natürlich direkt zu der Erkenntnis, dass die Welt froh sein kann, dass es Internet und Co. noch nicht zur Zeit des Nationalsozialismus gegeben hat. Andererseits wird einem bei der Lektüre sehr bewusst, welche Verantwortung die Menschheit hat, diese ja oft sehr hilfreichen Medien in einer vernünftigen Weise zu nutzen und deren Missbrauch zu verhindern und wie groß diese Aufgabe letztlich ist und bleiben wird.

Das Buch hat mich über seine knapp 800 Seiten wirklich gefesselt. Wenn man sich ein bissle mit der Geschichte des NS auskennt, macht es besonders viel Spaß, da Eschbach die Geschichte verändert und zwar auf sehr geschickte Weise. Es bleibt die ganze Zeit spannend und die Erwartungen, die man als Leserin aufbaut, erfüllen sich nicht, denn es gibt diverse unerwartete Wendungen. Außerdem hab ich natürlich auf ein gutes Ende gehofft, zumindest für den einen oder anderen Erzählstrang. Diese Hoffnung bleibt unerfüllt, was aber viel besser zum Buch passt und es dadurch noch bedrückender macht.
Das Buch bekommt von mir eine ganz klare Leseempfehlung!

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