Rausgehen – nicht örtlich, sondern zeitlich

In diesem Sommer bin ich des Öfteren rausgegangen und gefühlt doch nicht oft genug. Gerne hätte ich noch viel mehr unternommen, umso schöner, dass die erlebten Dinge so intensiv waren.
Besonders eindrücklich war meine Woche als Freiwillige auf dem Campus Galli. Als Historikerin interessieren mich natürlich alle Sachen, die irgendwie mit Geschichte zu tun haben. Das Projekt auf dem Campus Galli finde ich aber besonders spannend. Auf einem großen Gelände wird bei Meßkirch mit mittelalterlichen Methoden ein Kloster erbaut. Der Plan, nach dem gebaut wird, stammt aus St. Gallen aus dem 9. Jahrhundert. Das Gelände dient gleichzeitig als Freilichtmuseum, das man besuchen kann. Oder man meldet sich eben als freiwilliger Helfer. Denn zusätzlich zu den festangestellten Kräften werden immer Leute benötigt, die mit anfassen. So entstand zusammen mit meiner Freundin Nico die Idee, dass wir dort für eine Woche mitarbeiten könnten. Wie wir auf die Idee gekommen sind, weiß ich gar nicht mehr, angemeldet haben wir uns jedenfalls schon im vergangenen Winter, Nico ist für die Woche extra aus dem Ruhrgebiet angereist.
Zur Mitarbeit braucht man keine besonderen Fähigkeiten, alle Tätigkeiten lernt man vor Ort. Allerdings muss man bereit sein, den ganzen Tag körperlich zu arbeiten. Man sollte auch nicht zimperlich sein, denn bei den meisten Arbeiten wird man unweigerlich dreckig.
Mittelalterliche Gewänder bekommt man auf dem Campus gestellt. fullsizeoutput_8f9Man darf während der Arbeit keine Uhr und keinen modernen Schmuck tragen und auch die Benutzung des Handys ist natürlich nicht erlaubt. Es wird erwartet, dass man sich in eine Rolle begibt und den Besuchern freundlich entgegentritt und ihre Fragen beantwortet oder auf jemanden verweist, der das kann. Bei der Einteilung für die Arbeit werden Wünsche berücksichtigt, aber es macht natürlich Sinn, nicht jeden Tag etwas Anderes anzufangen.
Wir haben von Dienstag bis Sonntag dort gearbeitet. Nach der Einführung am ersten Vormittag haben wir uns für den Lehmbau gemeldet. Den Nachmittag haben wir also damit verbracht, Lehm für das Verputzen einer Wand herzustellen. Dazu mussten wir Lehm aus einem Lager holen und Wasser mit Holzeimern aus der Zisterne heranschaffen. Der Lehm wurde dann mit Sand und Stroh gemischt und mit den Füßen getreten, bis er die richtige Konsistenz hatte. Das hat dann einfach mal den Rest des Tages gedauert. Die Füße waren abends davon richtig schön geschmeidig. IMG_0782.JPG
Am nächsten Tag bekamen wir den Auftrag, eine schon verputzte Wand mit einer weiteren Schicht Lehm zu versehen, um so die Risse abzudichten. Dazu haben wir dann nochmal Lehm gestampft, diesmal aber ohne Stroh, da wir ihn feiner brauchten. Bis zum Ende des Tages waren wir dann damit beschäftigt die eine Wand zu verputzen. Das haben wir mit den Händen gemacht, die mit der Zeit recht empfindlich auf die raue und feuchte Masse reagierten.


Am Donnerstag bekamen wir Unterstützung von einem weiteren Freiwilligen. Für die nächste Wand brauchten wir zu dritt dann nur noch einen halben Tag. Danach habe ich mich für das Strohdach an der Scheune gemeldet. Nico hat derweil bei den Spinnerinnen und Weberinnen gearbeitet. Ich habe dann den Rest des Tages Strohseile gedreht. Diese werden verwendet, um Stroh zu sogenannten Schauben zu binden. Das sind die Strohbündel, die dann auf das Dach kommen. Am Ende des Tages merkte ich meine Unterarme deutlich, denn dieses Drehen ist mit ziemlich viel Kraftaufwand verbunden.
Die restlichen Tage habe ich dann beim Strohdach verbracht. Am Freitag habe ich es den ganzen Tag über auf ganze 9 Seile gebracht. Samstag und Sonntag war ich dann damit beschäftigt, das Stroh auszukämmen. Dies ist nötig, damit keine Ähren im Stroh zurückbleiben, die austreiben könnten oder Mäuse ins Dach locken würden. IMG_0801

Da ich körperliche Arbeit natürlich überhaupt nicht gewohnt bin, war es echt anstrengend und ich war immer regelrecht ausgehungert. Ohne Frühstück in die Arbeit zu gehen, was ich sonst ja immer mache, wäre gar nicht denkbar gewesen. Man arbeitet von 10 bis 18 Uhr. Die Tabula ruft am Mittag zur Mittagspause, die man dann im Mitarbeiterbereich verbringen kann. Da wir auch noch anderthalb Stunden pro Tag mit dem Fahren verbracht haben, haben wir gar nichts mehr sonst unternommen. Das Handy hatte außerdem Sendepause und wurde lediglich mal hervorgezogen, um ein paar Erinnerungsfotos zu machen. Von den festen Mitarbeitern wird man sehr herzlich aufgenommen und man fühlt sich gleich als Teil einer Gemeinschaft. Gleichzeitig hatte man das Gefühl, wirklich etwas zu diesem tollen Projekt beigetragen zu haben. Im Gegensatz zu sonst habe ich nur eine Arbeit gleichzeitig getan und die solange, bis sie fertig war. Und sie hat so lange gedauert, wie sie eben gedauert hat. Das war eine sehr interessante Erfahrung. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich das nochmal machen werde. Vielleicht würde ich mir nur dann dort eine Unterkunft suchen und nicht immer hin- und herfahren.

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